Editorial (2008)
Es ist ein Jubiläumsjahr, das Jahr 2008. Vor 20 Jahren, am 21.12.1988, verabschiedete sich Damaris Joy mit der "Farewell-Tour" und dem "Farewell"-Konzert in der übervollen Siegerlandhalle von der Bildfläche der deutschen und europäischen CCM-Szene. Mein Erinnerungsvermögen signalisiert mir aber auch gleichzeitig einen anderen Termin. sozusagen aus dem privaten Bereich: im April steht für mich der 20. Hochzeitstag an... ;-)

21.12.1988

Das Jahr 1988 war in der Tat ein besonderes Jahr. In der Planung der Band zeichneten sich große Ereignisse ab. Wir waren für ein Festival in Südfrankreich gebucht (04.06.1988), ebenso für das Christival '88 in Nürnberg (16.-18.06.1988) und zusätzlich mit der Beschallung einer der großen Hallen beauftragt. Das "Christian Artists Seminar" im holländischen "De Bron" (07.-13.08.1988) war standardmäßig vorgesehen, eine Schweiz-Tournee (19.-23.10.1988) stand auf der Agenda und wir freuten uns auf das gemeinsame Tourneeprojekt mit Cae Gauntt (20.-27.11.1988). Das waren die absehbaren Highlights des Jahres 1988, und in Sachen "normale Konzerte" war auch reichlich zu tun. Nicht zuletzt hätten in 1988 die ersten Vorbereitungen für eine neue Plattenproduktion angestanden (neue Songs schreiben und live ausprobieren).

Trotzdem verlief dieses Jahr letztlich ganz anders. Im Frühjahr entstand eine Diskussion, die zu dem Entschluss führte, die Band Ende 1988 aufzulösen. Ein bekanntes Sprichwort sagt, das man aufhören sollte, "wenn es am schönsten ist" - und in gewisser Weise trifft das den Kern der Sache. Damaris Joy hatte alles erreicht, was eine fromme Band in der damaligen Zeit erreichen konnte. Wir spielten 50-60 Konzerte pro Jahr, traten auf Festivals im In- und Ausland auf, machten Tourneen, die LPs (und die damals neuzeitlichen CDs) verkauften sich prächtig - aber wir merkten auch, dass wir am Zenit unseres Weges angekommen waren. Neue Ziele waren nicht in Sicht. Die Band funktionierte prima, aber der Zeitaufwand war immens und dieser "Job" warf letztlich nicht ausreichend Geld ab für die persönlichen Situationen, sprich für die Familien.

Wir befanden uns schon eine ganze Zeit in einem Dilemma und suchten einen Ausweg, der sich aber nicht finden ließ, weil es damals keine weitere Entwicklungsmöglichkeiten gab. Wir hatten durchaus auch versucht, mehr säkular zu spielen (wir waren beispielsweise mal als Vorgruppe für die "Scorpions" im Gespräch), aber so richtig konsequent wollte niemand in diese Richtung gehen - wir waren dort einfach nicht zu Hause und das Scheitern von "Deliverance/Janz", "Pieces/Face2Face" und "Semaja" war uns Warnung genug. Alle diese Bands hatten ihr Glück im säkularen Umfeld gesucht, wollten aber den frommen Bereich gleichzeitig mitbedienen. Das ging voll in die Hose. Für uns blieb also nur die Alternative, so weiter zu machen, wie all die Jahre zuvor, d.h. Konzerte bewusst in der Zusammenarbeit mit Christen vor Ort durchzuführen.

Vielleicht hätten wir damals cleverer sein sollen, insbesondere in finanzieller Hinsicht. Unsere Konzerte waren mehr als gut besucht (im Schnitt über 500 Besucher), die Veranstalter verdienten ziemlich gut an uns, und wir konnten alle unsere Kosten finanzieren (Truck, PA-Anlage, Übungsraum). Das "System" funktionierte, dass man am Wochenende mit der Band unterwegs war und während der Woche sein Geld anderweitig verdiente. Es erhielt jeder sein Honorar von der Band und auch die Plattenverkäufe warfen ein erkleckliches Sümmchen ab. So weit, so gut. Aber warum ging das trotzdem in die Brüche?

Das alles im Detail zu erklären, würde den Platz hier sprengen. Ich möchte einfach ein paar wesentliche Dinge nennen, die in diesem Zusammenhang eine Rolle gespielt haben. Das Bewusstwerden der langfristig fehlenden verlässlichen Entwicklungsmöglichkeiten gehört zum Kern des Prozesses, der zu dem Entschluss führte, die Band nach 13 Jahren zu beenden. Wir waren damals lebensaltermäßig alle so um die 30. Einige hatten Familien (Kinder), andere waren (noch) ungebunden. In diesem Lebensalter steht es für jeden an, Weichen für die Zukunft zu stellen. Man kommt schlicht und einfach nicht umhin, sich der Frage zu stellen, wie man den Ansprüchen und Notwendigkeiten gerecht werden kann. So schön und gut das war, auf das man zurück blicken konnte und der einzigartige Status, den man erreicht hatte: Die Brötchen am Frühstückstisch mussten bezahlt werden und all das, was das Leben so wertvoll (im Sinne von teuer) macht...

Dazu kam, dass wir uns auch als Personen mehr und mehr in unterschiedliche Richtungen entwickelten. Es gab einerseits den Interessensgegensatz der Verheirateten bzw. der Nichtverheirateten, andererseits gab es einen Gegensatz der beruflichen Perspektiven. Von 6 Leuten wollten 3 professionell Musik machen, die 3 anderen setzten die Akzente langfristig anders bzw. positionierten sich im Musikumfeld. Das hatte schon länger zu Spannungen geführt und zu der Schwierigkeit, die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen. "Gezofft" hat es eigentlich nie bei DJ, jedenfalls nicht in der Weise, wie wir es von den anderen professionellen Bands zum Teil sehr direkt mitbekommen haben. Bei uns lief das wesentlich subtiler; es war ein stiller und langsamer Prozess, der mehr und mehr unser Miteinander (oder Gegeneinander) prägte.

Es gab auch keinen, der uns damals hätte einen Rat geben können. "Coaching" und "Supervising" kannte man damals nicht. Man war ziemlich alleine gelassen. Wenn ich nach 20 Jahren auf diese Zeit und ihre Entwicklungen zurück schaue, dann denke ich, dass es richtig war, auf dem Höhepunkt der "Karriere" aufzuhören. Für 1988 zeichneten sich nicht nur schöne Termine und Aufgaben ab, es war uns klar, dass es auch personelle Veränderungen geben würde - wenn man so will, eine Neuausrichtung.

Aus Neuausrichtung oder Umbesetzung ist dann nichts mehr geworden. Im Frühjahr reifte die gemeinsame Entscheidung, die Band "in Würde" zu Ende zu führen. Die sowieso geplanten Projekte wurden alle durchgeführt, und es entstanden zusätzliche Projekte, wie die "Farewell-Tour" im Dezember, die uns u.a. auf die "Christmas Rocknight" in Ennepetal und sogar nach Österreich führte. Und nicht zu vergessen: Es war uns ein besonderes Anliegen, auch Abschied nehmen zu können von den Leuten in der DDR. Auf dem Weg zurück von 3 Tagen in Ost-Berlin (Band-Workshop + Konzert) spielten wir am 09.10.1988 abends noch ein Konzert in Dresden, um pünktlich gegen Mitternacht und Ablauf des Besucher-Visas an der Zonengrenze zu sein. Eine Verspätung hätte Mega-Stress gegeben...

Eigentlich würde ich sehr gerne das Jahr 1988 auch in Bildern zeigen. Es schlummern noch jede Menge Fotos auf dem Dachboden und warten darauf, ausgepackt, sortiert, eingescannt und in die WebSite eingebaut zu werden. Aber mir fehlt die Zeit, das zu tun, denn es geht ja nicht "nur" um das Jahr 1988. Auch zu den anderen Jahren existiert noch jede Menge Fotomaterial. Vielleicht wird irgendwann mal Zeit und Muße sein, sich dieser Aufgabe zu widmen. Der "Blick zurück" lebt halt auch und besonders von visuellen Eindrücken.

Wie auch immer. Das ist jetzt alles 20 Jahre her, und in diesen 20 Jahren hat sich viel verändert. Wir haben alle in irgend einer Weise unseren Preis bezahlt für die Vergangenheit; uns ist vieles gelungen, vieles auch nicht. Die Auflösung der Band war sicherlich einerseits ein Schlusspunkt, andererseits aber auch ein Doppelpunkt. Der Blick auf die aktuellen Aktivitäten zeigt, dass es manigfaltige Verbindungen gibt in die damalige Zeit Aber das Hinschauen zeigt auch, dass die Akzentsetzung anders geworden ist.

Deutlich wird das z.B. daran, dass es in 2008 die Formationen "Helmut Jost & Gospelfire" und "Wahler Brothers Band" gibt und damit deutlich andere Wege, jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick kommt man unschwer zu der Erkenntnis, dass beide Band-Projekte charakterisiert werden können als "Fortsetzung von DJ mit anderen Mitteln". Insofern hat sich also in den vergangenen 20 Jahren nichts verändert. Das Anliegen der "musikmissionarischen Verkündigung" lebt weiter und wird mit neuem, zeitgerechten Inhalt gefüllt. Und auch die spezielle Art und Weise, wie DJ dies umgesetzt hat, ist wieder präsent. Es ist wohl aus der Mode gekommen, zu den Songs auch "noch was zu sagen", aber jeder von DJ weiß, dass die Vermittlung von Inhalten in Konzerten weitestgehend auf der verbalen Schiene läuft. Wenn man "was sagen" will, dann muss man das auch "sagen"... ;-)

Die beiden Singer/Songwriter von Damaris Joy gehen 2008 auf unterschiedlichen Wegen, aber mit gemeinsamen Ziel. Was in 2000 mit der Re-Union von DJ angefangen hat, ist - nach dem Splitt in 2005 - nun in 2008 neue Realität. Auch die Bandbreite des potenziell erreichbaren Publiums ist weiter geworden. Nicht jeder ist mit "Gospel" erreichbar, selbst wenn er zeitgenössischer und europäischer Art ist. Die "Wahler Brothers Band" knüpft musikalisch am direktesten an Damaris Joy an, und spannt den Bogen noch weiter, in dem sie markante Songs aus der Szene der 70-er und 90-er Jahre in moderner Form spielt.

Vielleicht wird man irgendwann über das Jahr 2008 sagen, dass es die Kreise geschlossen und die Bögen abgrundet hat. 20 Jahre DJ-Exitus ist Teil der Geschichte, aber die Geschichte findet Fortsetzung in vielfacher Weise. Das hätten wir uns 1988 sicherlich nie vorstellen können, ebenso nicht, dass man mit 50 immer noch ziemlich gut Musik machen kann.

Von uns wünscht sich keiner die Zeiten von damals zurück, aber es ist wertvoll und gut, sich ihrer zu erinnern und die Beziehung zu "damals" nicht zu verlieren. Auch als Referenz im Sinne von Vergleichsmöglichkeit liefert die damalige Zeit heute noch gute und wertvolle Kriterien für das, was aktuell in der frommen Musikszene so angesagt ist. Und nicht zuletzt bietet diese WebSite als Museum rund um die Uhr und weltweit Besuchern die Möglichkeit, ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur zu kommen und Anhaltspunkte und Inspiration zu finden für die eigene Erinnerungsreise in der Mitte des Lebens. Auch dies gehört zu den Dingen, die in Sachen DJ nachklingen.

Soll heißen: Damaris Joy ist noch lange nicht "gegessen", und das ist gut so...!

Hans-Martin Wahler

25.02.2008


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